Künstliches Leben – Ein (sehr) kurzer Überblick

Im Gegensatz zur Künstlichen Intelligenz beschäftigt sich der Forschungsbereich des Künstlichen Lebens oder Artificial Life nicht mit der Frage, wie natürliches Verhalten nachgebildet werden kann, um eine Maschine als intelligent erscheinen zu lassen, sondern vielmehr mit der Frage, wie wirkliches Leben im Computer erschaffen werden kann. Hier stellt sich unweigerlich die Frage nach der Definition von Leben. Laut Aristoteles bedeutet es, Leben zu besitzen, “dass Dinge sich selbst ernähren können, aber auch vergänglich sind”. Lange Zeit waren die Menschen in ihrer Haltung den Grundfragen des Lebens gegenüber allein von der Religion und deren Sichtweise auf die Dinge beeinflusst. Leben galt als etwas Übernatürliches, dessen Entstehung vom Menschen nicht hinterfragt werden sollte. Die Ansichten änderten sich, als Wissenschaftler durch die Entdeckung der Zelle erste Erkenntnisse über das Leben gewannen. Mit der Darwinschen Evolutionstheorie zusammen entstand zum ersten Mal eine nachvollziehbare, wissenschaftliche Erklärung der Entstehung des Lebens und seiner Definition. Der Evolutionsbiologe John Maynard Smith schrieb: “Leben sollte durch den Besitz von Fähigkeiten definiert sein, die Evolution mittels natürlicher Auslese gewährleisten“ [1]. Zu den erwähnten Fähigkeiten zählt Smith Vererbung, Variation und Vermehrung.

Einige Zeit später revolutionierte die Entdeckung der DNA und ihre Bedeutung fur die Weiterentwicklung des Lebens die Sicht auf die Dinge. Immer mehr trat das Phänomen der Komplexität in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Komplexe Systeme bestehen aus vielen Einzelteilen, die meist auf Basis simpler Regeln in Interaktion miteinander stehen, in der Gesamtheit jedoch nicht vorhersagbare Ergebnisse hervorbringen. Mittlerweile ist Komplexität als eines der Hauptmerkmale lebendiger Organismen anerkannt. Generell entwickeln Systeme mit fortschreitender Komplexität eine Eigendynamik, die sie der Analyse durch einen Beobachter schwer oder sogar nicht zugänglich macht. Ein Beispiel dafür ist das in einem früheren Blogpost angesprochene Kölner Schwarmexperiment. Obwohl die Grundregeln für jedes Individuum bekannt waren, konnte das Gesamtverhalten der Menschenmenge nicht vorhergesagt werden.

Ein weiteres Beispiel für komplexes Verhalten ist die bei Tierschwärmen beobachtete Schwarmintelligenz, die es den Tieren ermöglicht, in der Gruppe erstaunliche Planungs- und Logistikaufgaben zu lösen. Diese Mechanismen der Natur halten mehr und mehr Einzug in die Industrie, mit erstaunlichen Ergebnissen.

Die Wissenschaftler auf dem Gebiet des Künstlichen Lebens versuchen, lebende Systeme zu erzeugen, weiterzuentwickeln und zu beobachten. Sie erhoffen sich, durch die Schaffung künstlichen Lebens, Einblicke in die Entstehung und Struktur des wirklichen Lebens zu gewinnen und irgendwann vielleicht eine Antwort auf die Frage zu finden: Was ist Leben?


[1] Smith, J. M.: The Problems of Biology. Oxford, 1986